Torwart-Ausbildung mit Hand und Fuß

Foto: Stefan Luksch

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Zusammen 1121 Länderspiele für Deutschland, zwei Weltmeister von 2007, ein Europameister von 2016, eine zweifache Champions-League-Siegerin, eine Sportpsychologin, eine Fachfrau für Hallen- und Beach-Handball - und ein Chef aus Schweden, der seit dem 1. Februar offiziell im Amt ist: das ist das neue Torwart-Kompetenz-Team des Deutschen Handballbunds.

Am Dienstag leitete Mattias Andersson (zweifacher Champions-League-Sieger, Europameister und Olympiazweiter) erstmals die Runde - in Zeiten von Corona natürlich als Videokonferenz. Mit in seinem Team sind die ehemaligen oder aktuellen Nationaltorhüter Clara Woltering (222 Länderspiele), Christine Lindemann (147) und Katja Kramarczyk (140) sowie Henning Fritz (238), Carsten Lichtlein (220) und Johannes Bitter (154).

„Wir haben viele Einzelaspekte angesprochen. Was sich von Anfang gezeigt hat, ist, dass wir nicht nur fachlich, sondern auch zwischenmenschlich sehr gut harmonieren. Das ist eine tolle Arbeitsgrundlage“, freut sich Andersson (41), der aus seiner schwedischen Heimatstadt Ystad zugeschaltet war. Für ihn steht der Teamgedanke ganz oben: „Wir haben eine sehr interessante Gruppe, in der jeder und jede die eigenen Erfahrungen einbringt. Das ist, was das Kompetenzteam stark machen wird.“

Die Idee hinter dem Team unter dem neuen leitenden DHB-Torwarttrainer ist, eine eigenständige deutsche Torwart-Philosophie und Torwart-Schule zu entwickeln, die vom Nachwuchs bis zur A-Nationalmannschaft für eine gleichbleibende Qualität in der Ausbildung sorgen soll. Das betont auch DHB-Sportvorstand Axel Kromer: „Wir haben in Deutschland sehr viele sehr gute Torhüter, aber wir wollen in der Ausbildung mehr Profil und Struktur reinbringen und uns konzeptionell weiterentwickeln. Mattias Andersson ist ein herausragender Torhüter und mit unserem Kompetenzteam haben wir so etwas wie das who is who mehrerer deutscher Torhüter-Generationen zusammen. Wir als DHB sind stolz und froh, auf solches Expertenwissen und Potenzial zurückgreifen zu können.“

Dabei wird es spezielle Arbeitsaufträge für alle geben: „Wir erarbeiten in unserem Kompetenzteam einen Teil der Rahmentrainingskonzeption des DHB, und die Torhüter wurden da in den vergangenen Jahren meiner Meinung nach vernachlässigt. Wir machen also etwas komplett Neues und legen die Grundlagen für die Zukunft, wie deutsche Torhüter, egal in welchem Alter, künftig ausgebildet werden. Ich weiß, dass das eine sehr große Aufgabe ist“, sagt Mattias Andersson, der bereits mehrfach Referent bei der DHB-Torwarttrainer-Zertifizierung war und parallel auch Torwarttrainer beim THW Kiel ist. Bis zum 1. Februar war er in gleicher Position für den Österreichischen Handballbund ÖHB tätig.

Eines hat Andersson bereits beim Start festgestellt: „In Deutschland gab es bislang keinen roten Faden für die Torwart-Ausbildung. Wir wollen da Struktur reinbringen, am Ende soll alles Hand und Fuß haben“, betont der Schwede. „Mattias repräsentiert die absolute Spitze und weiß, wie man mit der Spitze arbeitet. Durch die Einbindung von Wissenschafts-Bundestrainer Dr. Patrick Luig in das Kompetenzteam sollen aber auch die wichtigen Zwischenschritte vom Kind zum Weltklasse-Torhüter gewährleistet sein. Insgesamt geht es um eine eigenständige Torwart-Philosophie, wobei nicht alle Torhüter über einen Kamm geschoren werden, sondern jeder natürlich seine eigene Spielweise behalten soll“, sagt Kromer.

Das sieht Andersson ähnlich: „Natürlich kann man nicht jeden Torwart gleich trainieren, aus einem Andy Wolff wird man nie einen Jogi Bitter machen, aber wir müssen Grundlagen für die Trainingsarbeit aufstellen. Zum Beispiel geht es um die Positionierung im Tor, um Techniken und Taktiken, wie man den Ball hält, aber in Zukunft auch ganz verstärkt um den mentalen Bereich, denn Torhüter sind da ganz anders als Feldspieler.“

Und da kommt zum Beispiel Katja Kramarczyk ins Spiel. Sie ist nicht nur langjährige Nationalspielerin und mehrfache deutsche Meisterin mit dem Frankfurter HC und dem HC Leipzig, sondern auch Sportpsychologin. „Was den psychologischen Aspekt betrifft, ist vor allem wichtig, wie Torhüter mit Fehlern, Misserfolgen oder generell Gegentoren umgehen. Du kannst sensationell halten und kassierst immer noch 25 Tore“, spricht sie aus eigener Erfahrung.

„Aber es ist auch der spezielle Aspekt der Konkurrenz oder, dass du von der Bank kommst und musst sofort voll da sein. Doch von Torhütern kann auch unglaublich viel positive Emotion und Energie für das gesamte Team kommen“, sagt Kramarczyk. Und die fühlt sich ebenfalls pudelwohl im neuen Kompetenzteam: „Die erste Telefonkonferenz mit Mattias war sehr befruchtend für alle. Ich bin mir sicher, dass aus diesem Kompetenzteam sehr viel für den deutschen Handball rauskommt. Anfangs hat jeder aus der Gruppe einmal seine Spitzenkompetenz für die Gruppe in die Waagschale geworfen und wird nun seine Erfahrungen einbringen.“

Denn alle Beteiligten sind sich einig, dass der Torwart im modernen Handball eine Schlüsselfunktion einnimmt: „Die vergangenen Turniere haben extrem gezeigt, wie knapp die Ergebnisse an der Spitze sind - häufig entscheiden ein oder zwei Tore über Sieg und Niederlage, Und da kommt den Torhütern natürlich eine extrem wichtige Rolle zu“, sagt Kromer. Andersson ergänzt: „Jeder weiß, dass große und wichtige Spiele von Torhütern entschieden werden.“

Seinen ersten Lehrgang hatte der Schwede Mitte März in Aschersleben mit der Männer-Nationalmannschaft absolviert, sein Fazit ist sehr positiv: „Das hat schon sehr viel Spaß gemacht. Es macht mich stolz, für den größten Handballverband der Welt und mit einer der besten Mannschaften der Welt arbeiten zu dürfen. Und es macht die Sache natürlich einfacher, dass ich schon mit Alfred Gislason in Kiel zusammengearbeitet habe. Er weiß, wie ich ticke und umgekehrt.“

Auch mit Frauen-Bundestrainer Henk Groener und Debbie Klijn, der Torwarttrainerin der Frauen-Nationalmannschaft, stand Andersson schon in Kontakt, gleiches gilt für Wieland Schmidt. Und für die Zukunft seiner Tätigkeit und der des Kompetenzteams hat Andersson einen großen Wunsch: „Dass in Zukunft bei jeder Maßnahme - auch bei Jugend und Junioren, egal ob männlich oder weiblich - ein Torwarttrainer dabei ist, im Idealfall jemand aus unserem Kompetenzteam.“

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